Kultur als Knackpunkt

Kultur als Knackpunkt

Kultur als Knackpunkt

(Quelle: istockphoto)
Artikel erschienen in IT Magazine 2015/09
Seite 1
5. September 2015 -  Von Sabine Machwürth

Der Planungsaufwand transnationaler Projekte wird oft unterschätzt – speziell wenn die ausländischen Partner aus westlichen Industriestaaten kommen.
Auswanderer stellen nach zwei, drei Jahren in der Fremde oft fest, dass sie zwar inzwischen fern der Heimat leben, ihre besten Freunde aber weiterhin Landsleute von ihnen sind. Dies selbst in Fällen, in denen sie sich vor der Auswanderung fest vorgenommen haben, keinesfalls in einer Enklave von Expatriates leben sondern auch einheimische Freunde haben zu wollen. Doch warum ist das so?
Die meisten Menschen, die bisher nur ihren Urlaub im Ausland verbracht haben, unterschätzen, wie stark sie ihre Heimat geprägt hat. So unterschätzen sie beispielsweise, wie sehr es sie mit ihren Landsleuten verbindet, dass sie dasselbe Schulsystem durchlaufen haben, von Kindesbeinen an dieselben Radiosender gehört haben oder es gewohnt sind, den Müll zu trennen. All diese Faktoren prägen unser Empfinden und Erleben und somit auch das, was uns wichtig ist. Deshalb haben Schweizer (ebenso wie Österreicher und Deutsche) im Ausland oft das Gefühl: Meine Landsleute verstehen mich besser und schneller als die Einheimischen. Denn erst im tagtäglichen Miteinander registrieren sie die kulturellen Unterschiede im Empfinden, die zu einem unterschiedlichen Verhalten führen. Diese Unterschiede gilt es, zu reflektieren. Sonst erwachsen hieraus Vorurteile, die sich mit der Zeit zu (Negativ-)Urteilen verfestigen.
Zwei Beispiele: Oft wandern Personen aus dem deutschsprachigen Raum aus, um stressfreier zu leben. Doch schon nach kurzer Zeit klagen sie über die Laisser-faire-Mentalität ihrer neuen Mitbürger. Oder sie kehren ihrem Vaterland den Rücken zu, weil ihnen die Bürokratie die Luft zum Atmen nimmt. Doch schon nach wenigen Wochen stimmen sie ein Klagelied darüber an, wie willkürlich die Behörden in ihrer neuen Heimat agieren und wie schwierig es ist, Genehmigungen zu bekommen.

Kulturelle Prägung wird meist unterschätzt


Ähnliche Prozesse registriert man auch oft in Unternehmen, deren Mitarbeiter plötzlich mit ausländischen Partnern zusammenarbeiten müssen – zum Beispiel, weil ihr Arbeitgeber in Italien ein neues Werk eröffnet hat. Oder weil das Unternehmen eine Vertriebsorganisation in den USA gründet oder mit einem spanischen Mitbewerber fusioniert hat. In solchen Situationen unterschätzen Unternehmen und ihre Mitarbeiter anfangs oft die kulturellen Implikationen der Zusammenarbeit – und zwar auch dann, wenn die neuen Partner keine Exoten sind, sondern zum Beispiel Italiener oder Franzosen, Dänen oder US-Amerikaner. Denn gerade, weil die westlichen Industrienationen gemeinsame Wurzeln und teilweise eine gemeinsame kulturelle Identität haben, erscheint an der Oberfläche vieles gleich. Das verleitet die Unternehmen dazu, transnationale Projekte getreu der Maxime zu planen: Das wird schon funktionieren. Das heisst, es wird wenig Zeit in das Ermitteln der möglichen Knackpunkte in den Projekten und in die Vorbereitung der Mitarbeiter auf die Zusammenarbeit investiert. Denn dies erscheint, anders als wenn die neuen Partner Chinesen oder Inder, Saudis oder Afrikaner sind, nicht nötig.
Einige Zeit nach dem Start des Projekts merken die Verantwortlichen aber oftmals, dass das Ganze nicht wie geplant läuft. Ständig gibt es Reibereien und die Botschaften kommen nicht an. Dann reift in ihnen allmählich die Erkenntnis: Die kulturellen Unterschiede sind grösser als gedacht. Doch leider ist es dann oft zu spät, um das Ruder noch herum zu reissen. Denn zu diesem Zeitpunkt haben sich die latenten Vorurteile, die jeder Mensch gegenüber Personen aus anderen Kulturen hegt, häufig bereits zu Urteilen verfestigt – Urteilen, die sich in pauschalisierenden Aussagen und Gedanken wie «Die Franzosen...» oder «Die Amerikaner sind halt so» manifestieren.
 
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