"Die Medizin gerät zwischen Machbarkeit, Finanzierbarkeit und Wünschbarkeit"

"Die Medizin gerät zwischen Machbarkeit, Finanzierbarkeit und Wünschbarkeit"

Artikel erschienen in IT Magazine 2017/03
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4. März 2017 -  Interview: Fridel Rickenbacher

Dr. Patrick Dümmler ist Senior Fellow bei Avenir Suisse und Forschungsleiter "Offene Schweiz". Unabhängig von der Tätigkeit für Avenir Suisse ist er Clustermanager des Health Tech Cluster Switzerland und damit im Fokusthema E-Health und Digitalisierung aktiv.
Was haben die bisherigen Entwicklungsschübe in der Gesundheitsbranche gebracht?
Dr. Patrick Dümmler: Der Zugang zu einer Gesundheitstechnologie, die sich ständig weiterentwickelt, ist einer der wichtigsten Faktoren für die weltweit steigende Lebenserwartung. Dank Verbesserungen bei Pharmazeutika, Medizintechnik oder Diagnostik ist die Lebenserwartung in den vergangenen 35 Jahren um rund 10 Jahre gestiegen. So hatte eine 1980 geborene Frau im globalen Durchschnitt eine mittlere geschätzte Lebenserwartung von 63,7 Jahren, für Männer waren es 59,6 Jahre. 2015 waren es schon 74,8 Jahre bei Frauen und 69,0 Jahre bei Männern.
Die globale Lebenserwartung stieg, weil wichtige Fortschritte in der Health-Tech-Forschung und dem Zugang zu Gesundheitsleistungen erzielt werden konnten. Malaria, eine der am meisten verbreiteten und gefährlichsten Krankheiten, forderte 2015 weltweit 730'500 Todesfälle. Dies sind immer noch zu viel, aber immerhin rund 37 Prozent weniger als noch zehn Jahre zuvor. Ein weiteres Beispiel ist die weltweit stark sinkende Kindersterblichkeit. Starben von 1000 Lebendgeburten 1960 noch 180 Kinder unter fünf Jahren, waren es 2012 noch knapp 50. Auch die Todesfälle aufgrund von Krebs sind in den meisten Ländern stark zurückgegangen. Ursachen sind die Möglichkeit der früheren Diagnose sowie neue oder kombinierte Präparate zur Bekämpfung von Krebs. Gerade der Standort Schweiz hat dank der Forschung, Entwicklung und Produktion von Pharmazeutika massgeblichen Anteil an dieser globalen Entwicklung.

Innovationen treiben die Nachfrage an. Was sind die Folgen, ausser der steigenden Lebenserwartung?
Zu den Folgen gehören steigende Kosten des Gesundheitswesens in den meisten Ländern. Denn noch bevor der Effekt von Innovationen in Form der Lebenserwartung gemessen werden kann, machen sich die Ausgaben für die Zugänglichkeit, die Ausstattung und die Qualität des Gesundheitswesens bemerkbar. Im Vergleich mit anderen OECD-Ländern besitzt die Schweiz eine weit überdurchschnittliche Anzahl an CT-Scannern, MRI-Geräten, Mammografen oder Betten pro Kopf der Bevölkerung. Bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf nimmt die Schweiz eine der Spitzenpositionen ein. Auch relativ zum Bruttoinlandprodukt (BIP) stiegen die Ausgaben stark an: Betrug der Anteil 1960 noch 4,8 Prozent, stieg er bis 2013 auf 10,9 Prozent des BIP. In den letzten Jahren dürfte der Anteil weiter gewachsen sein.
Die Nachfrage nach "Gesundheit" wird trotz den Klagen über steigende Krankenkassenprämien, die jeden Herbst laut werden, weiter hoch bleiben. Es fehlt an Anreizen, effektiv und mittels einer stärker volkswirtschaftlichen Betrachtung eines Krankheitsfalls Kosten zu sparen. Ein wesentliches Problem ist, dass die heutige Finanzierung des Gesundheitswesens durch eine Vielzahl von Stakeholdern geprägt ist. Es entstehen mitunter Anreize, die nicht das Wohl des Patienten im Fokus haben. So bezahlt der Staat im stationären Bereich (Spital) rund 55 Prozent der Kosten, die Krankenkasse 45 Prozent. Im ambulanten Bereich (Tagesklinik, Arztpraxis) übernimmt die Krankenkasse jedoch die gesamten Kosten. Damit besteht die Gefahr, dass sich die Behandlung an den Interessen der Zahler und nicht an der Diagnose oder an der effizientesten Leistungserbringung ausrichtet.
Was sind Ihrer Einschätzung nach die grössten Herausforderungen eines stärker digitalisierten Gesundheitswesens?
Digital basierte Lösungen verschlanken und verbessern Prozesse, sie dürften in vielen Fällen mittelfristig Kosten einsparen. Kurzfristig sind aber oft beträchtliche Investitionen zu tätigen, die kostentreibend sind. Wichtig ist, den konkreten Nutzen neuer Angebote zu hinterfragen. In einigen Ländern, etwa im Vereinigten Königreich, gehören rigide Kosten-Nutzen-Analysen zu den Voraussetzungen für eine Vergütung über die Versicherung. Dabei müssen neue Produkte oder Verfahren entweder mindestens gleich gute Resultate wie bestehende Lösungen bringen, aber zu tieferen Kosten. Oder sie bringen einen markanten Nutzenzuwachs in Form einer rascheren Genesung, höherer Lebensqualität oder zusätzlicher Lebensjahre für den Patienten. Die relevante Frage dabei ist, was konkret als markanter Nutzenzuwachs zu bezeichnen ist und welche (zusätzlichen) Kosten dafür in Kauf genommen werden sollen. Neue Behandlungsmöglichkeiten werfen damit immer drängendere ethische Fragen auf.

Wo steht die Schweiz in der Umsetzung der Digitalisierung?
Gemäss der Untersuchung von digital.swiss beträgt der Ausschöpfungsgrad bei den neuen digitalen Lösungen im Gesundheitswesen der Schweiz noch magere 39 Prozent. Wir stecken damit erst am Anfang. Dänemark beispielsweise ist bereits einen Schritt weiter. Seit Jahren sind dort alle relevanten Akteure der Branche, etwa Spitäler, Arztpraxen, Apotheken oder die Versicherungen, über eine Plattform miteinander digital vernetzt. Die Schweiz hat es verpasst, bei Gesundheitsplattformen führend tätig zu werden und Produkte zu entwickeln, die im grösseren Umfang exportfähig wären.
 
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