"Mögen die digitalisierenden Geister, die wir riefen, uns wohlgesinnt sein"

Interview mit Dr. med. Bettina Schlagenhauff

"Mögen die digitalisierenden Geister, die wir riefen, uns wohlgesinnt sein"

Artikel erschienen in IT Magazine 2017/04
Seite 1
1. April 2017 -  Interview: Fridel Rickenbacher

Dr. med. Bettina Schlagenhauff von der Ärztegesellschaft FMH ist ­vorsichtig optimistisch, was den rechtzeitigen und fachlich anwendbaren Abschluss des Gesetzgebungsprozesses beim EPDG angeht. Laut ihr ­liegen die Herausforderungen bei der praktischen organisatorischen Umsetzung in den Praxen und bei den Akteuren der Stammgemeinschaften.
Serie EPDG
Am 29. Juni 2016 wurde die Anhörung des Ausführungsrechts zum Bundes­gesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) abgeschlossen. 2017 soll das Gesetz in Kraft treten. Es stellt grundlegende Weichen für die Digitalisierung des Schweizer Gesundheits­wesens. Das swissICT Magazin beleuchtet in einer Serie Technologie- und Security-Aspekte des Gesetzes aus unterschiedlichen Blickwinkeln. In dieser Ausgabe beleuchten wir das Thema aus der Perspektive einer Ärztin respektive der schweizerischen Ärztegesellschaft FMH.
Wie ist Ihre Einschätzung zum Bundesgesetz EPDG und zu E-Health aus der Sicht der praktizierenden Ärzte / ­Praxen oder der schweizerischen Ärztegesellschaft FMH?
Dr. med. Bettina Schlagenhauff: Der schweizerische Gesundheitsmarkt ist in kontinuierlicher Bewegung und steht nun aber vor echten, gar "disruptiven" Herausforderungen – dies von allen Seiten und Akteuren und Anspruchsgruppen her. Damit der eingeschlagene Weg nicht zu einer Kostenexplosion bei allen Beteiligten führt, braucht es interdisziplinäre Zusammenarbeit und daraus möglichst praktikable, beherrschbare Umsetzungen. Die FMH hat sich von Beginn an intensiv mit dem EPDG auseinandergesetzt und steht weiterhin hinter dem verabschiedeten Gesetz, welches für die Ausführungsbestimmungen einen guten Rahmen setzt. Aus Sicht der FMH kann das EPDG mit dem vorliegenden Ausführungsrecht jedoch nicht praktisch umgesetzt werden. Die wesentlichen Ziele des EPDG, insbesondere die Patientensicherheit und die Unterstützung der Behandlungsprozesse, hat man aus den Augen verloren. Die FMH hat im Rahmen der Stellungnahme zur Vernehmlassung umfassende Rückmeldungen, Vorschläge und konstruktive Anregungen eingereicht.

In welcher Projektphase stehen die betroffenen praktizierenden Ärzte und Praxen in der Schweiz?
Praktizierende Ärzte und Praxen inklusive Prozesse sind schon länger mehr oder weniger (teil)digitalisiert. Laufende Weiterentwicklungen der Software oder auch von Gerätschaften ermöglichen (oder erzwingen) schon länger einen relativ gut vernetzten und integrierten Praxisbetrieb. Solche Potenziale werden derzeit allerdings wahrscheinlich nur zu weniger als 50 Prozent genutzt – unabhängig von kommenden Gesetzesregulierungen. Sie müssen deshalb konsequenter und rascher genutzt werden, um gewappnet zu sein für die aktuellen und künftigen Anforderungen von E-Health und dem elektronischen Patientendossier EPDG.
In verschiedenen Kantonen gibt es bereits gute Projekte, die schon längere Zeit an der Umsetzung des EPDG arbeiten. Viele Kantone zeigen jedoch noch ein sehr geringes Interesse und stehen dem Gesetz mit äusserster Skepsis gegenüber, nicht zuletzt wegen der Befürchtung hoher Kosten für die einzelnen beteiligten Arztpraxen.
Mit dem EPDG und E-Health werden Bereiche reguliert, die Generationen prägen werden und auch informations-­ethische Fragen aufwerfen. Es geht um personensensitive Daten, bei welchen die Datenhoheit und mindestens Mitbestimmung der Datennutzung letztlich dem Patienten und Bürger obliegen. Was macht Ihre Interessen­gemeinschaft in diesem Bereich?
Die Patienteninformationen und -daten – auch im Rahmen des Arztgeheimnisses – unterlagen schon immer der Maxime von Security und Privacy. Durch die fortwährende Digitalisierung von älteren oder neuen Patientenakten war und wird es immer anspruchsvoller, dieses Informations-Universum unter Kontrolle zu halten. Weitere und kommende regulative Anforderungen in Richtung von systemübergreifendem Datenaustausch bei gleichzeitiger Auswertbarkeit trotz Datenhoheit der Patienten sind durch die meisten Praxis-Betriebe und Akteure kaum mehr bewältigbar ohne Unterstützung seitens Regulation oder Systembetreuer.

Wie beurteilen Sie die Regulierungsdichte der Verordnungen in Bezug auf die Zertifizierung von praktizierenden Ärzten / Praxen oder der schweizerischen Ärztegesellschaft FMH?
Solange die Regulierungsdichte adaptierbar und verkraftbar ist für die daran angeschlossenen Akteure und die Prozesse beziehungsweise Kosten nicht untragbar weiter in die falsche Richtung getrieben werden, kann man sich damit arrangieren. Die Regulierung sollte aber nicht eine Starre begünstigen zulasten von auch dynamischen Innovationen, welche weitere Optimierungen im Gesundheitsbereich bringen können. Die technischen und organisatorischen Anforderungen sind jedoch derzeit teilweise sehr hoch, und nicht immer im Sinne des Gesetzeszweckes. Dies kann unnötig zu so hohen Betriebskosten und damit zu Kosten für die Mitglieder einer Gemeinschaft führen. Dies allein könnte schon abschreckende Wirkung haben. Es würde zu einem Kostenschub führen, ohne dass für die Patientenbehandlung etwas erreicht wäre. Im Gegenteil: Die Prozesse werden komplizierter und fehleranfälliger, was zur Ablehnung des EPD führen kann. Die technischen und organisatorischen Anforderungen und damit die Hürden sind dringend auf das Mindestmass für einen sicheren Vertrauensraum zu reduzieren.
 
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