"Ständige Weiterbildung ist zwingend"

Interview mit Nationalrat Marcel Dobler

"Ständige Weiterbildung ist zwingend"

Artikel erschienen in IT Magazine 2017/07
Seite 1
8. Juli 2017 -  Nationalrat und ICTswitzerland-Präsident Marcel Dobler glaubt nicht, dass Informatiker nur wegen ihres Alters entlassen werden, und plädiert für Weiterbildung bis hin zur Pensionierung.
'Ständige Weiterbildung ist zwingend'
Marcel Dobler wurde 2015 im Kanton St. Gallen in den Nationalrat gewählt. Der FDP-Politiker hat an der Hochschule Rapperswil Informatik studiert und noch während des Studiums im Jahr 2001 zusammen mit Oliver Nägeli und Florian Teuteberg den Online-Händler Digitec gegründet, dem er während 13 Jahren als Co-CEO vorstand und der zur Nummer 1 im Schweizer Online-Geschäft avancierte. Nach dem Verkauf von Digitec an die Migros im Jahr 2015 verliess Dobler das Unternehmen. Heute ist der 36-Jährige, der von 2014 bis 2015 noch einen Bachelor in Wirtschaftsinformatik abschloss, Präsident von ICTswitzerland und Verwaltungsrat von Swisssign. (Quelle: ICTswitzerland)
"Swiss IT Magazine": Wie erklären Sie einem 55-jährigen Informatiker, der seit 18 Monaten auf Stellensuche ist, dass es in der Schweiz einen Mangel an IT-Fachkräften gibt?
Marcel Dobler: Ich finde die Bezeichnung "Mangel an Fachkräften" nicht ganz richtig. Man müsste eher von einem Mangel an Kompetenzen sprechen. Der Bedarf an ICT-Mitarbeitern wächst vier Mal stärker als in anderen Berufsfeldern. In den letzten 5 Jahren wurden in der Schweiz 44’000 neue Stellen geschaffen. Trotz dieses enormen Bedarfs hat es auf dem Arbeitsmarkt schwer, wer über die falschen oder über veraltete Kompetenzen verfügt. Entsprechend wichtig ist es für ICT-Mitarbeitende, die eigenen Kompetenzen stets aktuell zu halten und den heutigen Anforderungen anzupassen.

Wenn Sie von Kompetenzen sprechen, was bedeutet das konkret? Weiss man seitens von Verbänden und Politik, in welchem Umfang welche Kompetenzen auf dem Markt fehlen?
Wir arbeiten sehr eng mit dem Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich zusammen und wissen deshalb, dass rund ein Drittel der arbeitslosen Informatiker einen Hochschulabschluss besitzt. Ein Studium alleine schützt also niemanden davor, seine Stelle zu verlieren. Das Problem hierbei ist oft, dass das Studium bereits 20 bis 30 Jahre zurückliegt, nicht zwingend im Bereich Informatik erfolgte und oftmals kaum mehr eine Weiterbildung stattgefunden hat. Dadurch wurde dann der Anschluss verpasst. Früher konnte man eine Ausbildung machen, um dann bis zur Pensionierung auf dieser Basis zu arbeiten. Heute ist das Fachwissen schneller überholt und die persönlichen Kompetenzen müssen ständig neu erarbeitet werden.
Die Prognose, wonach bis 2024 25’000 IT-Fachkräfte fehlen sollen, ist bekannt. Gibt es denn auch Prognosen, wo diese Fachkräfte mittelfristig fehlen sollen? So dass ein Informatiker, der vor 20 Jahren studiert hat, sich auch gezielt weiterbilden kann?
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass die bisherigen Prognosen, die seit 2009 von ICT-Berufsbildung Schweiz erstellt werden, zu konservativ waren. Die ICT-Berufsbilder verändern sich laufend und die Vielfalt der gefragten Kompetenzen nimmt zu. Wo und zu welcher Zeit welche Fachkräfte gefragt sein werden, ist aus heutiger Sicht jedoch schwierig zu prognostizieren. Was man aber weiss ist, dass zwei Drittel der ICT-Mitarbeiter nicht in den ICT-Unternehmen selbst arbeiten, sondern in anderen Branchen, wie Banken, Versicherungen, der öffentlichen Verwaltung und so weiter beschäftigt sind. Nur ein Drittel ist also effektiv bei klassischen ICT-Betrieben tätig.

Also weiss man nicht, in welchem Bereich welche Fachkräfte fehlen? Denn wenn Sie sagen, die arbeitslosen Fachkräfte hätten die falschen Kompetenzen, müssten Sie doch auch sagen können, welche Kompetenzen stattdessen gebraucht werden.
Unsere Studie untersucht die Entwicklung des Berufsfelds in unterschiedlichen Berufsgruppen. In den einzelnen Berufsgruppen existieren wiederum unterschiedliche Kompetenzprofile. Bei der letzten Analyse hat man festgestellt, dass rund 20 Prozent des Bedarfs Führungskräfte sind. Ein weiteres Drittel sind Softwareentwickler. Diese beiden Berufsgruppen machen den Hauptanteil dessen aus, was in den kommenden Jahren gebraucht wird. Doch pauschal eine Aussage zu machen, in welche Richtung sich ein Informatiker entwickeln soll, um vor Arbeitslosigkeit gefeit zu sein, ist unseriös. Dazu muss man in jedem Fall eine Auslegeordnung aufgrund der erworbenen Grundausbildung, der Berufserfahrung und der individuellen Fähigkeiten machen. In Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber sollten ICT-Arbeitnehmer regelmässig überprüfen, wie sie das eigene Kompetenzprofil ergänzen und/oder aktuell halten können und wohin sich der Markt entwickelt. Bei einem Security-Spezialisten sieht das dann ganz anders aus als bei einem ICT-Berater. Im Übrigen verändert sich auch das Weiterbildungsangebot permanent.
 
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Kommentare

Sonntag, 30. Juli 2017 Alex Bloch
Gegenthese: Wirtschaftlich rechnet sich die Weiterbildung nicht. Für Schweizer Firmen ist es profitabler, die älteren Mitarbeiter zu entlassen und dafür ausländische billig einzustellen. Sie bezahlen weder die für die Ausbildung noch die Allgemein-/ Folgekosten, die die Allgemeinheit trägt. Die sog " Externalisierung der Kosten" kommt so voll zur Geltung. Der Artikel spiegelt die typische Sicht eines FDP Politiker wieder.

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